Dienstag, 16. November 2010

Der Schuhverschenker

Vielleicht finde ich seine Nachricht etwas strange, schreibt er. Ja!
Er ist der Schuhverschenker, geht gern Schuhe kaufen und mag Schuhe putzen auch total. Der Schuhverschenker hat auf meinem Profil gesehen, dass ich auf Dr. Martens stehe. Vielleicht bräuchte ich ja ein paar neue oder etwas passendes für den Herbst. Eine Gegenleistung will er nicht. Wir treffen uns zum Schuhe kaufen. Ich suche mir aus, was mir gefällt. Er bezahlt. Von mir bekommt er dann meine alten Docs. Das sei der Deal.
Geschichten, die das Leben schreiben. Ich mag so was. Und so verabreden wir uns an einem Montagabend für Mittwoch. Er freut sich schon.
Alles was ich über Fetischismus weiß, weiß ich von Domian. Es war nicht viel. Und nun saß irgendwo in dieser Stadt jemand, der sich freute und an Schuhe dachte. Auch an mich? Mich selbst hatte das Thema auch gepackt. Ich stöbere im Taschenlampenlicht in meinem Keller herum, bis mir dann doch einfiel, dass ich die löchrigen Docs längst in den Müll geworfen hatte. Es werden also meine lila schimmernden Lieblinge das Tauschgeschäft eingehen müssen. Als ich aus dem Keller kam, durchsuchte ich online die aktuelle Dr. Martens Kollektion und traf eine Vorauswahl. Am nächsten Tag probierte ich das neue Objekt der Begierde vor Ort. Der Verkäufer war beeindruckt von meinem lila Schimmer-Modell und der Meinung, die würde es in Deutschland gar nicht geben. Meine London-Weihnachtsmarkt-Erinnerung kam hoch und wie ich 60 Pfund von meinem Vorschuss dem Verkäufer in Camden in die Hand drückte, der eigentlich einen Fünfer mehr wollte und ganz beleidigt tat. Was soll‘s! Der Lack blättert ab, das Leder wird brüchig und ich werde eine neue Geschichte fürs drandenken gewinnen.
Gut vorbereitet kam ich am Laden an, der Schuhverschenker stand schon davor. Ein etwas mopsliger Typ mit Brille und in feinem Zwirn. Wir schüttelten brav Hände und führten Small Talk bis er mir die Tür aufhielt. Der Verkäufer erkannte mich vom Tag zuvor, packte die Schuhe aus und schneller als ich blicken konnte, kniete der Schuhverschenker vor mir und wollte beim Ausziehen und Anziehen behilflich sein. Es war mir etwas peinlich, das Leder war widerspenstig. Ich flanierte vorm großen Spiegel, war zufrieden. Für den Schuhverschenker schien die Welt auch in Ordnung zu sein. Good bye Schimmerschuh. Er packte sie in den Karton, trug ihn zur Kasse und ließ locker ein paar Scheine über die Theke wandern.
Vor der Tür bedankte er sich brav. Ich versicherte, dass ich Spaß gehabt hatte und feierte die Aktion innerlich mit einem Lachanfall. Während wir uns die Hände zum Abschied schüttelten, erklärte er mir noch seine Schuhputzangebotspalette. Ich bräuchte mich nur zu melden und dann wird poliert. Wir sagten Tschüß und gingen getrennte Wege.
Ich hatte ihm noch nicht einmal auf die Schuhe geschaut. Aber ich gehe davon aus, sie waren ordentlich sauber.

Zeigefinger

"Manchmal glaube ich, jeder trägt im Kopf einen Zeigefinger. Der zeigt auf das, was gewesen ist. Das meiste, was wir uns sagen, erzählen, woran wir denken, wenn wir mit uns allein sind, ist gewesen."
Herta Müller: Der Tod sitzt im Spiegel
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